Schriftgröße:
normale Schrift einschaltengroße Schrift einschaltensehr große Schrift einschalten
facebook  
 
Teilen auf Facebook   Drucken
 

Clubfahrt des Lions Club Neuruppin nach Görlitz

19.05.2019

Empfangen wurden die Lionsfreunde von Präsident Dirk Schwedland und seiner Frau Esther mit einer Erfrischung an der Pfarrkirche. Im Hintergrund wartete das „Heideröslein“, ein komfortabler Setra-Bus vom Omnibusverkehr Armin Glaser mit seinem Fahrer Jürgen auf die Lionsfreunde mit ihren Damen. Nach dem sich alle Reiselustigen eingefunden hatten, verteilte das Präsidentenpaar eine „Görlitztasche“ bestückt mit dem Programm, einem Stadtplan von Görlitz und Marschverpflegung, wozu zur Einstimmung auf die Besichtigung der Landskron Bier-Manufaktur auch eine Flasche Maibock dieser Brauerei zählte. Nach Verstauung des Gepäcks ging es dann auch schon los, denn die Fahrt sollte lang werden. Zur Auflockerung hatte das Präsidentenehepaar Große Dosen mit Süßigkeiten und kleinen Spaßmachern vorbereitet, die den Görlitzfahrerinnen und –fahrern angeboten wurden. Jürgen hatte alles andere mit an Bord. Wie durstig eine Busreisegruppe sein kann, erfuhren wir bei der zweiten Lenkpause, wo ein Bus mit der Altherrenmannschaft des VfB Leisning neben uns parkte und eine gewaltige Menge Leergut gegen volle Bierkästen ausgetauscht wurde. Ein Erinnerungsfoto mit Präsident Dirk war unvermeidlich. Bemerkenswert die Choreografie des Fußballers: Aufstellung nehmen, Bauch und Hüfte seitlich nach vorne schieben, Bierflasche anheben und in dieser Stellung einrasten. Ein Wimpeltausch konnte gerade noch vermieden werden. Bemerkenswert, die Leisninger sollten am Abend noch Fußball spielen.

Unser Domizil in Görlitz war das Hotel „Tuchmacher“, einstmals Tuchmacherfabrik, das mit den Nachbargebäuden heute ein Romantik-Hotel mit vielen Räumen zum Wohlfühlen und heimeligen Hofplätzen zum Entspannen ist. Begrüßt wurden wir hier vom stellvertretenden Geschäftsführer Herrn Pietsch, der Grüße der Eigentümerfamilie Vits ausrichtete und darauf hinwies, das ein Mitglied der Familie Distrikt Governor in Nordrhein-Westfalen war. Für den weiteren Abend stärkten wir uns mit einem ausgezeichneten Grillbüffet und konnten hierzu auch schon das eine oder andere Produkt der Landskron Bier-Manufaktur kennenlernen. Im Anschluss fand das get together mit den Görlitzer Lionsfreunden statt, die uns mit einer Abordnung von fünf Lionsfreunden die Ehre gaben. Der Görlitzer Pastpräsident Steven Klein überreichte unserem Präsidenten ein Buch über die historische Stadt Görlitz, während sich Dirk Schwedland mit Material über Neuruppin revanchierte. Darunter das frisch gedruckte Programm für Fontane200 von Juni bis Dezember 2019. Die Görlitzer Lionsfreunde Prof. Albrecht, Prof. Heimann, Klein,  Lehmann und Schoch waren gerne bereit, Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt zu empfehlen und schlugen einen Ortswechsel in die historischen Kellerkneipen „acanthus“ und „via regia“ in der Neißstraße vor. Es war ratsam, bei der Truppe zu bleiben, wenn man sich im Kellerlabyrinth nicht verlaufen wollte.

Der Samstagmorgen empfahl sich mit tollem Licht für einen Morgenspaziergang. Direkt vor der Tür des Hotels „Tuchmacher“ fand man schon die ersten sehenswürdigen Gebäude, etwa das Eckhaus Peterstraße / Nikolaistraße, ein Renaissancehaus, dessen Fassade mit einer Quaderbemalung nach alten Plänen gestaltet ist. Hier war ebenso ein einsamer Präsident anzutreffen, der auf weitere Frühsportwillige erst einmal warten musste. Die ließen sich dann aber doch blicken und so liefen Präsident Schwedland, Dr. Matthias Knappe und Steffen Meyer vor dem Frühstück mal eben nach Polen und wieder zurück. Um 10:00 Uhr trafen sich die Reisenden an der Rathaustreppe, um sich dort mit der Stadtführerin Gisela Lein zu treffen. Die Freitreppe schwingt sich empor zur Verkündungskanzel, von der früher dem wartenden Volk Ratsbeschlüsse und Gerichtsurteile kundgetan wurden. An diesem Morgen wurde die Ankunft der Neuruppiner Löwen verkündet und die Gelegenheit zu einem Gruppenfoto genutzt. Am Untermarkt mit dem Neptunbrunnen, im Volksmund auch „Gabeljürgen“ genannt, begann dann die etwa zweistündige Tour.

Die größte zusammenhängende historische Altstadt in Deutschland lässt sich in Görlitz erleben. Urkundlich erwähnt wird 1071 ein slawisches Dorf „villa Gorelic“, das von Kaiser Heinrich IV. an den Bischof von Meißen vergeben wurde. Das Land der Milzener (Sorben) gehörte zum Machtbereich des Markgrafen von Meißen. Im Spätmittelalter setzte sich die Bezeichnung Oberlausitz durch. Die Oberlausitz unterlag wechselnden Besitzverhältnissen. Unter anderen wurde sie als Heiratsgut an die Markgrafen von Brandenburg verpfändet. Die meiste Zeit bis 1635 blieb Görlitz Teil des Königreiches Böhmen. Schon um 1200 siedelten sich an der Peterstraße bis zum Untermarkt Fernhandelskaufleute, die mit Tuchen und dem für die Tuchfärberei notwendigen Färbemittel Waid Handel trieben, an und errichteten dort ihre Häuser, die dem Wohnen auch der Knechte und Mägde, dem Repräsentieren und der Lagerung der Handelswaren dienten. Es entwickelte sich ein Patriziertum, das die für die Entwicklung des Handels notwendigen Stadtrechte erwerben konnte. So wurde 1303 das Magdeburger Stadtrecht bestätigt, 1330 wurde das Münzrecht erworben, in der Mitte des 14. Jahrhunderts kam die Gerichtsbarkeit dazu. In diese Zeit (1346) fiel auch die Gründung des Oberlausitzer Sechsstädtebundes, um diese Stadtrechte zu bewahren. Dieser Bund sollte die Sicherheit der Kaufleute und ihrer Warentransporte vor allem gegen das Raubrittertum schützen. Der Städtebund verfügte über eine respektable Streitmacht und konnte so auch Burgen von Raubrittern zerstören und die Übergriffe des Landadels zurückdrängen. Zwar sollte auch die „via regia“, die Königstraße, den Schutz der Kaufleute gewährleisten. Doch oftmals war der König weit weg.

Die Wappen der Mitglieder des Städtebundes (Bautzen, Lauban, Zittau, Löbau und Kamenz) sind unter den Fassadensäulen des „neuen“ Rathauses abgebildet. Das prunkvolle Wappen von Görlitz wird im Giebel des Rathauses gezeigt. Die beiden übereinander liegenden Turmuhren gehen auf Bartholomäus Scultetus (vormals Schulz) zurück und zeigen mit dem oberen Ziffernblatt eine Mondphasenuhr, das untere ziert ein Kriegerkopf, der zu jeder vollen Stunde die Zunge herausstreckt. Besonders hinzuweisen ist auf den über den Uhren im Turmfenster liegenden Löwen, der laut Frau Lein zur Neumondphase brüllte, um die Görlitzer an ihre ehelichen Pflichten zu erinnern. Frau Lein ließ den Löwen auch brüllen. Zu den Auswirkungen kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts berichtet werden. Mitten auf dem Untermarkt liegt die Zeile, zwei sich gegenüberliegende Häuserzeilen mit weiteren historischen Gebäuden. So etwa die Stadtwaage, in der die geeichten Waagen, Gewichte und Maße aufbewahrt wurden oder auf der anderen Seite die Börse, in der die Kaufleute ihre wöchentlichen Konvente abhielten. Gegenüber kann der Reisende den „Flüsterbogen“ ausprobieren, der das geflüsterte Wort von einer Seite des Portals auf die andere sendet. Das Restaurant Flüsterbogen ist das Präsenzlokal des Görlitzer Lions Clubs. An der Zeile vorbei zurück zum Unteren Markt mit dem Neptunbrunnen, fällt der „Schönhof“ ins Auge, das mit seinen reichen Fassadendekorationen als ältestes und schönstes Renaissancehaus der Stadt gilt. Früher sind hier die böhmischen Landesherren mit ihrer Entourage etwa zu den obersten Gerichtstagen abgestiegen. Heute ist dort das Schlesische Museum untergebracht. Über die Brüderstraße, an deren Sitznischenportal des Hauses Nr. 11 das Steinmetzzeichen des Landbaumeisters und Ratsmitglieds Wendel Roskopf d.Ä. (WR 1547) zu sehen ist, gelangt man zum Obermarkt mit Blick auf den Reichenbacher Turm. Am Obermarkt befindet sich auch da einzige Haus mit einem Balkon, das Napoleonhaus. Der Franzosenkaiser hat hier mehrfach logiert und am 20. August 1813 von diesem Balkon zu seinen Soldaten gesprochen. Während vom Obermarkt zur Neiße sich Stilrichtungen deutscher Baukunst des 15. Und 16. Jahrhunderts finden, zeigt um den Elisabethplatz und den Demianiplatz das wohlhabende Bürgertum seine repräsentativen Bauten. Etwa das ursprüngliche Warenhaus „zum Strauß“, das mit seiner von Arkadenbögen überspannten Eingangsfront bis 2009 vom Warenhaus Hertie betrieben wurde und als Kulisse für den Film „Grand Budapest Hotel“  diente. Der Frauenturm oder volkstümlich „Dicker Turm“ genannt, dient noch heute den Frauen und Mädchen als Ausrede. So gibt es Studentinnen, die ihren Boyfriends weiß machen, dass in dem sich im Turm befindlichen Danceclub nur Frauen Einlass finden.  Die Führung endete in der Straßburg-Passage mit den zweigeschossigen Lichthöfen. Im Anschluss hatten alle die Gelegenheit, ihren jeweiligen Bedürfnissen nachzugehen. So wollte man etwa die regionalen Spezialitäten wie „Schlesisches Himmelreich“ oder Mohnkuchen kennenlernen.

Der späte Nachmittag sah die Lions auf einem 2,5 km langen Marsch zur Landskron Brau-Manufaktur, wo uns die Herren Heiko Christoph und Samuel Danzeisen durch die Brauerei führten. Für den Jacky Chan Film „In 80 Tagen um die Welt“ wurde aus dem Brauereiensemble der New Yorker Hafen. Nach dem langen Marsch wäre ein Erfrischungsgetränk hilfreich gewesen. Jedoch wurden wir auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet und zunächst mit der Geschichte der Brauerei bekannt gemacht. Gegründet wurde sie 1869 als Aktiengesellschaft. Schon 1915 wurde Landskron Bier bis nach Breslau geliefert. Ein Biergarten für 3000 Gäste mit einer Bühne wurde im gleichen Jahr angelegt. Dieses Konzept wird heute immer noch unter dem Slogan „Kulturbrauerei“ erfolgreich umgesetzt. 1972 verliert die Landskron Brauerei in der DDR ihre Eigenständigkeit und wird in den VEB Landskron Brauerei Görlitz umgewandelt. 1993 wurde die Brauerei reprivatisiert. Edgar B. Scheller aus der Gründerfamilie investierte insgesamt 42 Millionen EURO, um die Brauerei wieder wettbewerbsfähig zu machen. 2003 wird Landskron von Holsten übernommen, die danach von Carlsberg geschluckt wurden. Der Betrieb sollte kurz danach abgestoßen oder geschlossen werden. 2006 kauften Heidrun und Dr. Rolf Lohbeck die Brauerei auf und retteten so zahlreiche Arbeitsplätze. Zurzeit beschäftigt die Landskron Brau-Manufaktur ca. 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da am Samstagabend die Arbeit ruht, wurden uns die Flaschenreinigung und die Abfüllanlage per Film am Monitor vorgeführt. Weitergelockt wurden wir mit der Aussicht, es gäbe gleich eine Verkostung. In einem Raum mit Sudkessel ließen wir uns nieder. Die Verkostung bestand in einem Glas mit Malz, das die Runde machte und einem Glas mit Hopfenpellets, an denen man riechen durfte. Kreuzte man die zweite Gruppe, wurde unverschämt gelogen: „Wir haben schon Bier bekommen. Ihr auch?“. Die Werbung: „Der einzige Keller, in dem unser Bier 40 Tage alt wird.“,  machte uns Sorgen, denn in den Keller mussten wir noch. Den Aussagen: „Gleich bekommt Ihr was zu trinken!“, standen wir skeptisch gegenüber. Im Keller wurden uns neue Edelstahltanks und alte Fässer gezeigt. Die noch aus alten Zeiten stammenden Stahltanks hatten einen kleinen Hahn für das Zwickelbier, wurde uns erklärt. Aber auch hier floss kein Tropfen. Nach 1,5 Stunden hatten wir es geschafft und durften in die ehemalige Direktorenvilla. Endlich stellte sich Herr Christoph an die Zapfhähne und ließ den Gerstensaft in die Gläser laufen. Pils, Lager, Pupen-Schultze, Bernstein, Weizen, Kellerbier, Apfelradler  und Fassbrause, jeder kam auf seinen Geschmack. Dazu gab es einen schönen Braumeisterbraten und schon war die Welt wieder in Ordnung. Übrigens: alle Marken der Landskron Brau-Manufaktur soll es in Neuruppin bei Kaufland geben!

Die Rücktour brachte einen weiteren Höhepunkt. War doch ein Halt in Lübbenau geplant, wo zwei Spreekähne auf uns warteten. Den ersten führte Kahnfährmann Thomas, den zweiten Kahnfährfrau Martha. Um als Kahnfährmann- oder frau zugelassen zu werden, muss man zuvor 100 Fahrten durchgeführt haben und hiernach eine Prüfung ablegen. Thomas warb um Mitfahrer mit der Ankündigung, er habe mehr Getränke dabei. Aber bei Martha musste auch niemand Durst leiden und sie wusste alle Fragen über den Spreewald zu beantworten und auf seine Sehenswürdigkeiten hinzuweisen. So müssen alle Häuser im Biosphärenreservat ihre Substanz erhalten und bei Reparaturen verwenden. Ansonsten droht der Verfall. Neubauten sind nicht zulässig. Die meisten Häuser sind zwischen 100 und 300 Jahre alt. Letzteres trifft auf den ältesten Stall und das älteste Wohnhaus zu. Man kann an der Verwendung der Balken die unterschiedlichen Zeiträume erkennen. Die üppige Flora versetzt den Gast in eine andere Zeit. Fast glaubt man der dichte Wald sei verwunschen. Das sanfte Gleiten des Kahns lässt einen zur Ruhe kommen; man entschleunigt. Unterbrochen wird die Landschaft durch die malerischen Häuser mit den zahlreichen phantasievollen Holzfiguren, wie Störche, Frösche, Schafe und den Schlangenkönig. Oder ein Gasthaus, wie Kaupen No. 6, das schon Drehort bei den Spreewaldkrimis war. Wer Glück hat, hat ein Grundstück auf der linken Seite, wenn es wieder Richtung Lübbenau geht, gefunden. Denn diese sind noch von der Straße erreichbar. Die andere Seite muss alles (Einkäufe und Müll) mit dem Kahn transportieren. Dafür gibt es besondere Umschlagplätze, auf den die Ver- und die Entsorgung durchgeführt wird. Die Spreewälder leben vom Tourismus und die Kahnfährleute bringen diese an die Stände mit Schmalzstullen und Gurkenmix und die wenigen Gasthäuser, in denen man Leinöl mit Quark, Spreewaldplinsen und Lübbenauer Babbenbier bekommen kann. Die Menschen aus dem Spreewald sind in aller Regel sehr freundliche Leute. Wenn man aber wie im Fröhlichen Hecht in Lehde auch als zahlender Gast für die Toilettennutzung einen Obolus muss, macht das schon ein wenig unzufrieden. Ansonsten hat die Kahnfahrt viel Freude gemacht und man setzte sich zufrieden zu Jürgen in das Heideröslein, der alle wohlbehalten nach Hause brachte.

Text und Fotos Haka Book

 

Foto: Auf der Rathaustreppe von Görlitz

Fotoserien